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Bildung, Bomben, Bündnisfall

Eintrag vom: 18.11.2015 | von: Basti | in: Artikel, Gesellschaft, Privates

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Vorgestern hatte ich ja zu Bedachtsamkeit und Ruhe im Bereich von Terrorangriffen aufgerufen, weil die emotionale Lage von Politik und Militär schnell für kriegerische Zwecke ausgenutzt wird (und leider ist die Propaganda-Maschinierie diesbezüglich auch bereits mehr als angelaufen). Ich rufe auch dazu auf, sich nicht für mögliche voreilige uneingeschränkte Solidaritätsbekundungen herzugeben – denn auch wenn alles selbstverständlich gut gemeint ist, wird man nur zu schnell Rädchen in einem Terror-Narrativ, der die schrecklichen Drohnenmorde in Syrien nur verstärkt anstatt die Gewaltspirale dort zu verhindern.

Oder böse ausgedrückt: Früher nutzten Propaganda-Minister Aufnahmen von fahnenschwenkenden Menschen auf der Straße, um die Bevölkerung für Krieg zu mobilisieren. Keiner sagt, dass all diese Menschen den Krieg wollten. Aber das Bild war stark genug, um dann unter dieser Fahne in andere Länder einzumarschieren und das damit zu rechtfertigen. Und heute gibt es den „Ich-Schwenke-Die-Fahne“-Button auf Facebook, der weltgrößten Straße überhaupt. Und Frankreich verstärkt unter dieser Flagge und unter Rechtfertigung dieses Narrativs gleich mal schön die Kriegseinsatz. Ich will mich für so ein Bild jedenfalls nicht hergeben und würde mir persönlich ein wenig mehr Reflektion über die Zusammenhänge des eigenen Handelns in Terrorzeiten mit den kriegerischen Konsequenzen in anderen Ländern wünschen.

Mein Kollege Michael Musal hat das auf eben besagter Facebook-Autobahn mit einem Post ganz gut zusammengefasst (ich zitiere, weil der Post öffentlich ist):

Massenkriege wie der erste und zweite Weltkrieg wurden und werden durch breit angelegte öffentliche Kampagnen vorbereitet und verarbeitet. Lässt sich alles bequem nachlesen. Da wird auf breitester Front Angst geschürt, um die Menschen in die Stimmung von Krieg, Angst, Schutzbedürfnis, Opfergefühl, Hass und Vergeltung hineinzumanövrieren. Sie sollen JA sagen zu miltärischen Aktionen. Sie sollen gegen den Frieden votieren. Sie sollen glauben, dass man durch Waffen Frieden schaffen kann. Mal wieder. Und wem nützt das? Wer verdient am Krieg? Wem gibt der Krieg, der Terror, das Verbrechen mehr Macht? Dies ist 2015. Wir können es dieses Mal alle in allen Einzelheiten beobachten, darüber nachdenken, darüber reden und unsere Schlüsse ziehen. (…)

„We shall overcome“ war mal in den seltsamen Zeiten der Siebziger ein beliebter Song für die heute alten Knacker. genau wie „Teach your children well“. Und wie „How many….“. Und dann kam Kohl und hat aus dem Bildungssystem ein Verblödungs-, Dressur- und Sortiersystem gemacht. Und nun sind die neuen Lieder wieder die ganz alten Lieder, aus der Jahrhundertwende, den Zwanzigern und den Fünfzigern. Und da sind sie wieder, die Flaggen und das Nationalgefühl, und da ist sie wieder, die Bedrohung aus dem Ausland, oh oh, von diesen Aliens, die weder Schnaps noch Schnitzel mögen. Und da ist sie wieder, die Angst, und das Geschrei nach „Sicherheit“ und militärischen Traditionen und Aktionen. Da sind sie wieder, die Plakate der Uniformenkasperle, dass sie für unsere „Freiheit“ kämpfen. Da sind sie wieder, die Leutchen, die mit dem Hintern denken. Hurra, wir haben wieder einen Feind, nein, sogar ganz viele. Das war ja höchste Zeit. Da werden wir wohl mal wieder irgendwo aufräumen müssen, was? „Germans to the front.“Und da wird sie wieder sein, die Generation unserer Kinder, die uns verachten werden und unsere Dummheit verfluchen werden.

Ich sehe es nicht so finster wie Musal, aber im Kern teile ich die Bedenken.

Es spielt erst mal keine Rolle, wer den Anschlag wirklich verübt hat. Ernsthaft, so sehe ich das. Ich denke, es ist entscheidend, dass diese Terroranschläge erst mal unseren Politikern in die Hände spielen, die bestimmte Agenden durchdrücken wollen. Wir ändern unser Leben nicht, weil die Attentäter das wollen, sondern weil unsere eigenen Leute das wollen. Die globale Überwachung der Welt, wie sie Edward Snowden aufgedeckt hat, entstand weil die NSA das wollte, nicht weil es die Attentäter von 9/11 das forderten. Und allein deswegen ist es wichtig, nicht nur auf die Täter zu schauen, sondern viel stärker noch auf unsere eigenen Leute im Land und in Europa. Hollande ist grade ein gutes Beispiel:

Frankreich werde die Luftangriffe gegen die syrischen Dschihadisten intensivieren. (…) Der Feind Frankreichs sei der „Islamische Staat“.

Das große innenpolitische Projekt ist eine Verfassungsänderung. (…) Es geht ihm um „außergewöhnliche Befugnisse“, die dem Präsidenten bei einer unmittelbaren Bedrohung zur Verfügung stehen sollen. (…)

Den Ausnahmezustand will Holland auf drei Monate ausdehnen. Premierminister Valls habe einen Gesetzesentwurf ausgearbeitet, der zwei Maßnahmen in den Mittelpunkt stellt, wie Le Monde berichtet den Hausarrest und Hausdurchsuchungen. Die Befugnisse der Sicherheitsbehörden sollen ausgeweitet werden, angepasst an den „heutigen Stand der Technik“.

Das Strafrecht soll deutlich verschärft werden. Die Bedingungen, unter welchen Polizisten Gebrauch von der Waffe machen können, um sich zu verteidigen, sollen neu geprüft werden.

Niemand sagt, dass die Mehrheit der Bevölkerung den Aufbau eines Polizeistaates als Antwort auf die Anschläge wirklich will – oder die Ausweitung der Präsidentbefugnisse auf diktatorische Ausmaße. Aber dagegen aufstehen kann angesichts der Solidaritätsbekundungen natürlich jetzt auch niemand. Genau deswegen ist es so wichtig, zu Beginn von Terroranschlägen erst mal die Kontrolle nach Innen zu richten, und dann erst als Antwort darauf nach Außen, wenn es denn wirklich einen Grund dafür gibt. Statt dessen fordert Frankreich jetzt den solidarischen Büdnisfall. Kaum zu fassen. Mal wieder nichts gelernt aus der Geschichte.

Dass es hoffentlich nicht ganz so schlimm ist, wie Musal sagt, zeigt vielleicht diese Anmerkung eines Lehrers, der auf Fefes Blog veröffentlicht wurde:

Ich arbeite als Lehrer. Bei uns war auch die Schweigeminute von oben angeordnet worden. Ein Schüler stellte vor einiger Zeit schon mal die Frage, warum bei getöteten Amerikanern und Europäern immer Schweigeminuten abgehalten werden (Türkei mal ausgenommen – denn dort wird auch nie geschwiegen), aber ansonsten läuft da gar nichts. Ein Schüler erzählte mir, dass er vom Lehrer sogar angewiesen wurde, er müsse zur Schweigeminute aufstehen. Er meinte zu mir, dass im Nahen Osten ständig Menschen sterben und es scheinbar niemanden interessiert.

Für mich interessant: Die Jugendlichen nehmen diese Merkwürdigkeiten sehr wohl war, leider die älteren eher nicht.

Ich denke auch, dass man so nur Hass und Radikalität fördert, weil man damit ganz klar zeigt, wir sind die besseren Menschen, wenn wir sterben, dann ist es schlimm, wenn ihr sterbt, na ja, wenn interessiert das schon.

Vielleicht ist es also doch noch nicht ganz verloren. Mit meiner depperten Generation vielleicht schon, aber ein bisschen kann man ja auch mal an die kommende glauben, oder?

Ich predige ja seit Jahren, dass psychologische Kriegsführung Teil der Schulbildung werden muss, um Propaganda und Kriegstreiberei zu erkennen. Auch das Hinterfragen des eigenen Staates, medienkompetenter Umgang mit Nachrichten und kritisches Denken gehört für mich in die Schule. Es gäbe hunderte Beispiele aus der Vergangenheit, wo man perfekt illustrieren könnte, wie die Kriegsmaschinierie funktioniert und wie man sich korrekt verhält, wenn die Politik wieder versucht, das eigene Militär zu stärken und Bürgerrechte zu schwächen. Letztens hatte ich ja einen Beitrag aus Wikipedia zu „Strategie der Spannung“ als Lektüre vorgeschlagen.

Wem das immer noch zu anstrengend war, der kann übrigens auch in dieser Doku einen ersten Einblick darüber erhalten, wie Terroranschläge von Politik missbraucht werden – und lernen, dass der dabei zuerst verbreitete „Feind“ in vielen Fällen schlicht nicht die Wahrheit ist. Manchmal ist genau der nämlich sogar genau um 180° verdreht. Nur glauben kann es immer keiner…