Or judge me to be guilty of so many incurable sins

Kaum zu glauben, aber mit meinem täglichen DVD-Konsum von immerhin 9 ½ Minuten bevor ich in das Reich der Träume kippe, habe ich es nun endlich doch geschafft, in einer Gewaltsitzung die Staffel von Serial Experiment Lain zu Ende zu gucken. Ich weiß auch nicht, aber irgendwie bin ich aus dem Alter raus. Die Serie ist schon gut, charakterlich sauber ausgearbeitet und für die Zeit wirklich spannend in Szene gesetzt – aber für meinen Geschmack ist sie doch zu egozentriert. Lain ist der Trip der Selbstfindung, des Herausfindens der eigenen Abhängigkeit im sozialen Gefüge, des Bewusstwerdens der eigenen Wirklichkeit und in dem Fall schlicht konstruktivistisch. Ich kann mich wirklich erinnern, dass ich das alles mal ziemlich interessant fand. Tatsächlich habe ich in meinen ersten Semestern an der Uni ein Konstruktivismus-Seminar belegt und befürworte ziemlich viele Gesichtspunkte dieser Weltanschauung. Aber ganz im Ernst: Irgendwann bin ich durch, ist das satr’,sche blanke Nichts der Freiheit und die eigene Sterblichkeit im Kopf des Anderen akzeptiert. Lain braucht dafür 13 Folgen und philosophiert dabei über das Vergessen-werden, Gott, Freiheit der Gedanken, die seelische Verbundenheit über amaterielle Wege hinweg und immerhin ein klein wenig über die Wahrnehmung des eigenen Handelns bei Anderen.

Serial Experiment Lain: Opener (Duvet)

Sorry, aber das ist mir zu wenig. Ich interessiere mich nicht mehr für mich allein. Mich interessiert auch nicht mehr, was real ist und was nicht. Ich will weg von dieser neuronalen Gehirnmassen-Theorie, diesem Makrokosmos, dessen Freiheit besten Falls trügerisch und alles andere als glücksbringend ist. Ich will auf den Mikrokosmos, auf die Partikel, die Atmo dieser Welt, die in meinem Kopf existiert. Mich interessiert das Gefüge an sich, die Entstehung von Abhängigkeiten, die Kommunikation zwischen Menschen, nicht die Datenübertragung sondern das Protokoll –, was die Welt im Inneren zusammenhält! Mich interessiert wie Menschen wirklich sind und was sie dazu macht. Und leider hat das einen ziemlich erwachsenen und vermutlich ebenso egomanen Grund: Ich misstraue ihnen. Gerade heute ist mir wieder aufgefallen, wie schnell Personen ihre Masken aufsetzen können, wie schlagartig sie ihr Aussehen, ihr (antrainiertes?) Verhalten und ihr Stimmung wenden können, ohne mit der Wimper zu zucken. Und mir ist aufgefallen, dass sie es garnicht aus Böswilligkeit tun. Es wird als Fähigkeit, als Überlebensnotwendigkeit, als taktische Klugheit ausgelegt, die mir scheinbar nicht zu eigen ist. Zumindest ab einem bestimmten Grad des Heucherlischen kommt mir die Galle hoch. Ist das nun auch arrogant? Ich bin der Meinung, es ist Selbstschutz: Einen Menschen, der mich anlügt oder sich entgegen seiner Meinung oder Gefühle mir gegenüber verhält, kann ich nicht vertrauen, soviel ist klar. Aber kann ich Menschen vertrauen, die das nur anderen aber nicht mir gegenüber tun? Ich denke, nein, auch das kann ich nicht. Weil ich immer davon ausgehen muss, dass ich den Charakter, den ich aufgetischt bekomme, die falsche Seite der Wahrheit sein könnte. Es gibt definitiv zu viele Masken auf diesem Ball, und ich weiß ziemlich genau, dass mich einige ob meines fehlenden Kostüms schief anschauen, aber ich bin nun mal nicht auf der Suche nach Karnival. Ich bin auf der Suche nach den Menschen ohne Maske. Vielleicht gebe ich auch den Menschen ne Chance, die frühzeitig ihre Maske abnehmen. Aber ansonsten habe ich das Gefühl, immer mehr in das Gefälle eines Faschings-Divide zu kommen: Der Grad ist schmal und der Abfall in die Konvention des Maskentragens ohne Zweifel verführerisch und leichtgängi, ob er auch glücklicher ist, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht kennzeichnend mich meinen Griff nach den Sternen ja auch die schiere Blödheit und vielleicht ist der Ausweg in den Selbstbetrug wirklich der pragmatisch bessere und zumindest in seiner gesamtheit glücklichere Weg. Ich weiß durch meine wenigen Erlebnissen in diesem Bereich nur eines: Sobald du den Maskenträgern ihre Maske abnimmst sind sie bereits viel verängstigter als die ohne. Wer die Maske hat, hat etwas zu verlieren. Wer sie nicht hat, nicht mehr. Und ich glaube, genau das ist der Prozess, der das von mir bereits ‚angeschriebene‘ Higurashi no Naku Koro ni ausgelöst hat. Auch wenn mein Zugang bei weitem nicht so plakativ direkt war, wie bei Elfen Lied, ist die Serie doch nach immerhin einer Woche weiterhin ziemlich präsent. In Hurashi haben alle, selbst der Hauptdarsteller, eine dunkle Seite. Alle sind Mörder und Liebessuchende zugleich. Alle werden sie in die Ecke gedrängt, bis ihre Handlungen ihren Mitmenschen gegenüber plötzlich Sinn ergeben, bis verständlich wird, dass sie sich in einen Teufelskreis katapuliert haben, von dem es kein Entrinnen gibt. Bei dem plötzlich auf das Wort des anderen nichts mehr wert ist und jedes soziale Gefüge vollständig zusammenzubrechen droht, wenn nicht zumindest der Schein gewahrt wird. Am Ende steht paradoxerweise die vollständige Isolation innerhalb des sozialen Gefüges, das krampfhafte Aufrechterhalten von Konvention, das Klammern an eben jene Maske, bis sie zerbricht –, und dann der Mord.

Higurashi No Naku Koro Ni: Opener

Japanische Anime-Serien sind somit häufig Lehrfilme auf ihre ganz eigene Weise. Es sind Prozesse, Erkenntnisse und Lebenszyklen, die behandelt werden, die mit Nichten nur auf spätpupertierende Jugendliche abzielen. Higurashi ist dabei ganz bewusst in „,Frage und Antwortkapitel“, unterteilt –, ohne dass man der Serie seinen erzieherischen Anstrich ansehen würde. Lain ist 13. Der Hauptdarsteller Keiichi in Higurashi bereits 18 (oder 15, je nach Medium). Ich hoffe mal, das bedeutet, dass die Fragen in Higurashi als ein Folgeprozess der Wahrheitsfindung von Lain zu verstehen sind. Beantworten kann die Serie den Teufelskreis dabei nicht. Zumindest nicht für mich. Durchaus bezieht sie aber Stellung zur verfahrenen Situation, ohne darüber richten zu wollen. Dabei ist sie so subtil unscheinbar, dass ich jetzt erst bestimmte Aspekte unbewusst zu begreifen beginne. Muss ich also beide Serien vergleichen, gewinnen ganz klar die Zikaden vor dem Matrix-Verschnitt. Allein das Higurashi-Extro-Lied „,Why Or Why Not“, drückt hunderfach mehr meine aktuelle Interessenslage aus, als die verwirrte Sängerin aus Lain (siehe oben):

Higurashi No Naku Koro Ni: Why Or Why Not?

Es hilft also nichts, ich muss mir tatsächlich die Nachfolgeserie Higurashi no Naku Koro Ni Kai besorgen, welche die gleichen Charaktere –,jetzt kommts!- als Freunde in einer deutlich soaplastigeren Atmosphäre zeigt. Dabei muss man wissen, dass der Vorgänger über lange Strecken ne ziemliche Gewaltoper ist und hin und wieder verdammt unheimlich, verunsichernd und verstörend. Vielleicht zeigt mir Regisseur Chiaki Kon ja dann die andere Seite der Menschlichkeits-Medallie. So wie ich ihn aber einschätze wird es wieder eine völlig überraschende, neue, vielleicht nicht aufheiternde aber hoffentlich bereichernde Erkenntnis sein… Sei nicht traurig, Lain. Dein genialer Bären-Pyjama ist und bleibt der absolute Knaller. Allein dafür warst du es mir wert.

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